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Wir trauern um den Sprachwissenschafter, Flurnamenforscher und Schriftsteller Markus Ramseier. Er ist am 21. Juli 2019 erst 63-jährig gestorben.

 

Markus Ramseier
(* 12.08.1955 † 21.07.2019)

 

Markus Ramseier hat an der Universität Basel Germanistik, Anglistik und Romanistik studiert und war zwischen 1982 bis 1987 Assistent in der damaligen Älteren Abteilung des Deutschen Seminars. Das Studium und besonders die Vorlesungen und Seminare von Prof. Robert Schläpfer weckten bei ihm das Interesse für die Sprachwissenschaft und für die Sprachverhältnisse in der Schweiz. Seine Dissertation mit dem Titel Mundart und Standardsprache im Radio der deutschen und rätoromanischen Schweiz galt der bereits in den 80er-Jahren politisch brisanten Frage, welche Rolle die Mundart in öffentlichen Institutionen spielen sollte. Radio und Fernsehen waren bis weit in die 70er-Jahre vorgehend der Standardsprache verpflichtet. Der Wandel hin zu publikumsnäheren Sendeformaten führte zu einer starken Erhöhung des Anteils der Mundart. Bald war die Rede von einer Mundartwelle, die gar zur Abkoppelung der Schweiz vom deutschen Kulturraum führen könnte. Markus Ramseier hat in seiner umfassenden Arbeit nicht nur die Wahl von Mundart und Standard für die Sendungen untersucht, sondern auch deren sprach- und sprechstilistische Gestaltung.

Von literarischen Ambitionen Ramseiers aus dieser Zeit ist nichts bekannt. Es ist jedoch bemerkenswert, dass seiner Dissertation ein Mundartgedicht von Christian Schmid vorangestellt ist und das Zitat von Ludwig Hohl „In der Sprache der vielen reden und doch eigenartig sein, das ist schwer“ das Werk abschliesst. Nach seiner Assistenzzeit wurde er zunächst Lektor beim Schulbuchverlag Sabe. In dieser Zeit begann auch seine Arbeit als Flurnamenforscher. 1987 wurde auf Anregung von Prof. Robert Schläpfer vom Kanton eine befristete halbe Stelle zur Erforschung der Orts- und Flurnamen des Kantons Basel-Landschaft geschaffen, die Markus Ramseier neben seiner Lektoratsstelle übernahm. Die Flurnamenforschung sollte sein ganzes weiteres Berufsleben prägen. Mit seinem Team hat er die heutige und einstige Namenlandschaft des Baselbiets erforscht. Markus Ramseier verstand es, hinter die Worte zu schauen und zwischen den Zeilen zu lesen, oft mit Humor, aber immer behutsam, einfühlsam der Sprache ihre Eigenheit lassend. Jede der 86 Baselbieter Gemeinden kannte er persönlich. Seine zugewandte, offene Art und von ehrlichem Interesse getragene Arbeitsweise knüpfte ein weites Netz an Kontakten, weckte und förderte das Interesse vieler für das Namengut und liess ihn auch dadurch so manchen Namenschatz heben. In einem publizistischen Zwischenschritt hat die Forschungsstelle 2003 bis 2007 für alle Gemeinden des Kantons Ortsmonographien mit den gebräuchlichen Toponymen erarbeitet. Die Forschungsarbeit fand ausserdem Niederschlag in zahlreichen publizistischen Beiträgen oder Vorträgen, die Markus Ramseier bis in die jüngste Zeit angenommen hat. Nach 29 Jahren intensiver Forschungsarbeit und einem dauernden Kampf um die Finanzierung der ab 1994 durch eine Stiftung getragenen Forschungsstelle konnte das monumentale siebenbändige Werk, das Baselbieter Namenbuch, 2017 der Öffentlichkeit übergeben werden.

1994 hat Markus Ramseier seinen ersten Roman veröffentlich, Mäandertal. Die autobiografischen Züge sind unverkennbar. Die Hauptfigur ist ein Flurnamenforscher aus der hiesigen Region. In regelmässiger Folge erschienen neben Kurzgeschichten, Kindertexten und zahlreichen Kolumnen weitere Romane, bereits 1998 Das Land der letzten Meter, dann 2002 Wie küsst man einen Engel?, 2013 Vogelheu, und 2018 In einer unmöblierten Nacht. Markus Ramseier hat auch Mundarttexte geschrieben und war nicht zuletzt ein bekannter Schnitzelbänkler. Für seine Werke hat er zahlreiche Preise erhalten. Noch vor seiner literarischen Karriere wurde ihm für die Dissertation der Amerbachpreis der Universität Basel verliehen. Ein Höhepunkt war sicher 2014 der Kulturpreis des Kantons Basel-Landschaft.

Markus Ramseier war ein Chrampfer. Alles, was er angepackt hat, hat er mit Leidenschaft betrieben. Bereits seine 1988 in Buchform erschienene Dissertation umfasst 600 Seiten. Wenn im Sabe-Verlag ein Buch auf einen bestimmten Termin fertiggestellt werden musste, hat er sich nicht gescheut, nächtelang durchzuarbeiten, unterbrochen nur von kurzen Pausen im mitgebrachten Schlafsack. Auch seine ersten literarischen Werke hat er vorwiegend nachts geschrieben, wenn seine vier Kinder im Bett waren. Seine Vorträge zu den heimischen Flurnamen sind legendär. Er hat vor jedem Publikum immer den richtigen Ton getroffen, hat spannend mit einer guten Prise Humor, aber nie anbiedernd, und mit einer ungeheuren Sachkenntnis referiert. Man konnte den Eindruck gewinnen, dass ihm mit der ihm eigenen Energie alles leichtfiel. Aber dieser Eindruck täuscht. Markus war sein Leben lang ein Leidender. Er hat bei allem Erfolg das Erreichte immer wieder kritisch hinterfragt. Geschrieben hat er, weil er aus innerem Antrieb schreiben musste. In einem Interview hat er erzählt, wie das Schreiben zwar ein Leidensprozess sei, noch mehr leide er aber, wenn er nicht schreibe. Zurücklehnen und geniessen war ihm eher fremd. In seiner wenigen Freizeit hat er Sport getrieben und als ehrgeiziger Langläufer auch Skimarathons bestritten. Dabei ging es ihm auch um das Sein in der Natur, ein Ort, an dem er zuhause war.

Nach Abschluss des Namenbuchs wollte sich Markus Ramseier, durch Europa reisend, ganz aufs Schreiben konzentrieren. Den VW-Bus hatte er schon gekauft. Nun hat eine schwere Krankheit seine Pläne durchkreuzt. Er wird uns sehr fehlen.